Occupy-Camp Hamburg Teil 5

Erschienen am 12.12.11 auf http://www.freitag.de/community/blogs/doris-brandt/occupy-camp-hamburg-teil-5

Meine Demo, Deine Demo 09.12.2011

Was haben Bing Crosby, batteriebetriebene Kuscheltiere aus China, Versicherungsvertreter in schlecht sitzenden Anzügen und Nussknacker aus dem Erzgebirge gemein? Regelmäßig treffen sie in der Vorweihnachtszeit bevorzugt am frühen Nachmittag aufeinander. Auf dem Weihnachtsmarkt. Am Gerhart-Hauptmann-Platz. Kinderbuggys rumpeln über das Kopfsteinpflaster, Anhäufungen von Plastiktüten bewegen sich in Schritttempo über den Markt. Hin und wieder erscheint eine Hand, die noch schnell einen Glühwein zwischen Douglas-Tüte und Knirps hindurch in den Mund kippt. Die Witze der vorweihnachtlichen „Geschäftstermine“ werden platter, der Regen stärker. Es ist so wie immer. Fast.

Zwischen der Glühweinbude mit den lackierten Baumstammsitzen und der Jagertee-Jause wird mir im Neonlicht Jogi-Tee in Aufgussbeuteln angeboten. Umsonst. „Du warst lange nicht mehr hier.“ Ich bin mir nicht sicher, ob in Fatmas Stimme ein vorwurfsvoller Unterton mitschwingt. Das Occupy-Camp hat Mitte November den Platz für den Weihnachtsmarkt freigeben müssen. Eine vorübergehende Aufteilung des Camps in drei „Untercamps“  hatte sich als ungünstig erwiesen, zumal die drei Orte weder zentral lagen noch anderweitig auffielen. Über einen Umweg wurden die Zelte auf dem 200 Meter entfernten Gertrudenkirchhof  hinter der Deutschen Bank aufgeschlagen.

Fatma ist in den Sechzigern und engagiert sich seit Anfang November für Occupy Hamburg. Saisonal bedingt steht sie nun täglich in der Weihnachtsmarktbude, die dem Occupy-Camp für die Weihnachtsmarktzeit zur Verfügung gestellt wurde. „So eine Bude kostet 15.000 EUR Miete, wir haben sie umsonst bekommen. Nett oder?“ Aus dem Hinteren der Bude tönt es: „Du Missgeburt!“ Zwei junge Occupier streiten sich, wer nun den Computer zum Absturz gebracht hat. „Benehmt Euch!“ Fatma duldet keine Schimpfwörter. Ich unterhalte mich mit ihr über die heutige Demo gegen Rechts, die sie besuchen wird. „Das ist aber nicht unsere Demo, unsere Demo startet morgen zum Tag der Menschenrechte!“ tönt es wieder aus dem hinteren der Bude.

Ich gehe weiter zum Camp auf den Gertrudenkirchhof. Es sieht verlassen aus. Unbewohnt. Das Küchenzelt hat beim letzten Orkan das Zeitliche gesegnet. Ein Weihnachtsbaum, circa 15 Zelte, zwei Liegestühle, und zwei Camp-Bewohner. Die machen sich an einem Kabel zu schaffen, dass sich wie eine aufgeröppelte Lakritzschnecke über zahlreiche  Bäumchen-Gerippe schlängelt. Auf meine Frage hin, ob sie abbauen, verneinen sie. „Wir bauen natürlich nur um! Die Starkwinde diese Woche haben uns den Rest gegeben! Man wächst mit seinen Herausforderungen.“ In diesem Moment werden sie von einem Passanten mit Lebkuchen versorgt und können nicht mehr sprechen.

Mitte Januar ist der Umzug zurück zum Gerhart-Hauptmann-Platz geplant. Keine Frage, die anfängliche Euphorie hat sich mit einem gewissen Trott, manchmal auch mit einem Lagerkoller arrangieren müssen. Aber das Camp und der Wille sind noch da, trotz 8 Windstärken und Spagetti-Regen. Das Camp ist bekannter geworden, hat Platz im Bewusstsein vieler Hamburger genommen. Der  Philosoph Slavoj Zizek hatte erst kürzlich in einem Zeit-Artikel distanziert zur Occupy-Bewegung Stellung genommen: „Der Sinn der Occupy-Bewegung liegt nicht darin, dass wir daran teilnehmen, sondern dass möglichst viele Leute von ihr erfahren.«   www.zeit.de/2011/49/Kapitalismuskritik-Zizek

Ob man aktiv teilnimmt oder  redet, bleibt jedem selbst überlassen. Das Hamburger Camp plant im Januar wieder an gewohnter Stelle auf die gesellschaftliche und politische Schieflage aufmerksam zu machen. Bing Crosby sitzt dann wieder im CD-Ständer und die Vertreter in ihren Versicherungen.

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Occupy-Camp Hamburg Teil 4

Erschienen am 11.11.11 auf  http://www.freitag.de/community/blogs/doris-brandt/occupy-camp-hamburg-teil-4

09.11.2011 – Fick die Welt

„Jeder kriegt sein Essen, jeder seinen Schlafplatz, das nötigste dem Volk gegeben, das ist das, was der Staat macht, damit möglichst wenige die Fresse aufreißen….“ Die Bässe eines You-Tube-Videos wummern über den Platz: „Fick die Welt“ vom Hamburger Rapper Nate57. www.youtube.com/watch?v=ZAvs-92vAiI

Einige Camper drängeln sich im Medienzelt, von wo aus der Livestream gesendet wird.  Um 17:00 Uhr ist es bereits nachtdunkel, Nebelschwaden ziehen zwischen den Zelten hindurch. Straßenlaternen und grüne Lichterketten beleuchten die Szenerie. Die Stimmung ist gespannt. Ein Mann, ich schätze ihn auf Anfang zwanzig, hat das  Video ausgewählt und  wird parallel zum Rap laut: „Wir sind Occupy, Mann! Das heißt „Besetze“ oder?!  Wenn Ihr hier weggeht, mache ich mein eigenes Camp auf.“

Morgen ist der 10.11.11. Einmal werden wir noch wach, heissa dann ist Abbau-Tag. Während die weihnachtlichen Vorbereitungen auf dem Rathausmarkt bereits auf Hochtouren laufen –Nikolaus, Schlitten und Rentiere hängen schon am Drahtseil- muss  der Gerhart-Hauptmann-Platz schleunigst nachrüsten. Das Camp war bis heute geduldet, morgen siedeln hier Holzhütten mit Rauschgold-Engeln in den Auslagen.

Ein ruhiger Mit-Fünfziger mit grauem Zopf händigt gerade Flugblätter an eine Interessentin aus. „Wir kriegen eine Holzhütte  auf dem Weihnachtsmarkt für unsere  Belange zur Verfügung gestellt. Es geht also auch hier weiter, nur im kleineren Ausmaß. Beide Daumen hoch dafür.“

Während meines Besuches  vor einigen Tagen hatte ich mit Fatma gesprochen, einer deutsch-türkischen Übersetzerin, schätzungsweise Ende fünfzig. Wenn ich es mir recht überlege, hatte ausschließlich  Fatma gesprochen, warum  sie sich engagiert, wie, wofür. Dass sie morgens ins Camp kommt und abends mit der letzten S-Bahn nach Hause fährt. Sie schläft zu Hause. Sie wurde einmal zum Zelten gezwungen. Das war 1999 nach dem Erdbeben in Istanbul. Seitdem hasst sie Zelte. Bis vor kurzem hat sie sich für Verdi engagiert,  jetzt will sie Occupy Hamburg unterstützen.

Nur über die Stimmung im Camp hat sie nicht viele Worte verloren. Ich konnte schon vor einigen Tagen heraushören, dass es gerade hoch her geht: unterschiedliche Meinungen, Richtungen, Ansätze wie es weitergeht. Im Camp schien so etwas wie Katerstimmung zu herrschen.

„Ja, es gibt so etwas wie einen Camp-Koller. Ist ja auch kein Wunder. Viele Persönlichkeiten, Gründe, Ziele, Meinungen. Hauptsache, es geht weiter und das tut es.“ , so auch mein Gesprächspartner heute.  Eine kleine „Camp-Filiale“ existiert bereits auf der Moorweide neben der Hamburger Uni.  Dort hin werden die Zelte heute Nacht gebracht werden.

Der Lautstärkeregler wird indes bis zum Anschlag aufgedreht: „Sie können uns ruhig halten, mit Strafen und Gesetztn, machen uns  ohnmächtig, wie Marionetten, Sie handeln, unmenschlich, sie halten uns in Ketten, Fick die Welt!, Fick die Welt!“

10.11.2011 – Gras unter den Füssen

„Es war eine anstrengende Nacht. Neuer Camp-Standort Moorweide. Wir freuen uns über warmer Getränke und warme Worte!“. So ähnlich lautete heute Morgen die Nachricht über Twitter.

Schon vom Dammtor-Bahnhof aus sehe ich den Afri-Cola-Sonnenschirm und die Occupy-Plakate hinter der Schell-Tankstelle an der Hamburger-Moorweide hervor linsen. Die Moorweide ist ein Park, der an die Hamburger Universität grenzt. Die Heringe sollten somit einfacher in die Erde gestoßen werden können, als am Gerhart-Hauptmann-Platz. Dennoch steht kein einziges Zelt.  Fünf „Occupier“ sitzen  im Kreis auf Liegestühlen. Gegen den Sprühregen helfen Schlafsäcke und Fleece-Decken. Die Zelte dürfen nicht aufgebaut werden, weil die Genehmigung fehlt. „Es ist momentan etwas schwierig aber die Uni nebenan zeigt sich sehr kooperativ.”   Medieninteresse ist auch da. Die BILD-Zeitung wollte sich als eine der ersten ein Bild vom neuen Standort machen, nachdem sie sich in der heutigen Ausgabe bereits besorgt gefragt hatte: „Verhindert Occupy den Weihnachtsmarkt?“Die Moorweide ist zwar schön grün und dicht an der Uni mit ihren sanitären Einrichtungen gelegen, aber mit Verlaub „etwas ab vom Schuss“. Das Camp ist nicht mehr präsent. Passanten, die zufällig vorbeikommen und so auf die Aktion aufmerksam gemacht werden, gehen gegen Null. Das sehen einige Occupier genauso. Das Camp wurde  daher während der Weihnachtmarkt-Zeit in drei Standorte aufgeteilt : auf dem Domplatz (zwischen ZEIT-Redaktion und der Scientology-Deutschland-Zentrale), auf dem Gertruden-Kirchhof und vor dem Altonaer Rathaus.  Das Camp in Altona wird morgen nach der Demo „Karneval der Empörten“   (www.echte-demokratie-jetzt-hamburg.de/2011/11/09/11-11-11-aktion-in-hamburg/) Treffpunkt sein.

Weitere Infos unter: www.occupyhamburg.org

Roman hat gerade in der Uni und bringt Flyer mit. „Es ist wichtig das Bewusstsein zu schärfen. Wir werden nicht aufgeben, wir müssen das Interesse weiter gewinnen. Es kann nicht sein, dass Konsum unser Lebensmittelpunkt darstellt und uns alles andere nicht interessiert.

Wir fällt Hagen Rether ein, der einen passenden Beitrag  in „Neues aus der Anstalt“ am letzten Dienstag  zum Desinteresse in der Bevölkerung beigesteuert hat : www.youtube.com/watch?v=0kXdbADtAwM

Ironie des Schicksals: Am 1. Februar 1966 wurde auf der Moorweide nach dem Vorbild des Londoner Speakers‘ Corner im Hyde Park Meckerecke für Laienredner eingerichtet. Sie wurde wenig beachtet und wieder aufgegeben.  Insofern wäre es nicht schlecht, auch über einen neuen zentraleren Standort des Occupy Camps nachzudenken. Occupy Hamburg hat einen Standort verdient, der auch sichtbar ist.

 

Weitere Infos unter: www.occupyhamburg.org

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Occupy-Camp Hamburg Teil 3

Erschienen auf http://www.freitag.de/community/blogs/doris-brandt/occupy-camp-hamburg-teil-3- am 25.10.11

„Das Aufstehen ist anders hier! Du machst das Zelt auf, und bang! wirst Du mit allem konfrontiert. Passanten, den Camp-Bewohnern, allem hier. Aber so ist das halt, wenn man mitten in Hamburg zeltet.“ Der Camp-Bewohner, der über das morgendliche Aufstehen philosophiert ist Mitte-Ende Zwanzig, Kunststudent und seit Beginn dabei.  Heute Vormittag hatte er Kreislaufprobleme, gerade als er von einer Schulklasse interviewt wurde. Jetzt geht es ihm besser, die heiße Zitrone aus dem Restaurant „Weltbühne“ half. Das Theater-Restaurant –gehobene Gastronomie mit Kellnern in schwarzen Anzügen- hat sich schon seit Beginn mit der Bewegung solidarisiert. Der Livestream wurde zuerst vom Außenbereich des Restaurants gesendet. Irgendwann wurden Kabel mit „Weltbühnen“-Strom über die Bäume des Gerhart-Hauptmann-Platzes in das Camp gezogen.

Ich war drei Tage nicht hier. Das Camp ist nochmals gewachsen. Ich zähle über zwanzig Zelte. Die Luft ist kalt, es riecht nach feuchten Laub und Kaffee. Der Vormittag war neblig, jetzt bricht die Sonne durch. Zwei Party-Pavillons gibt es.  Der Küchen-Pavillon, in dem bunte Fotos von Occupy-Aktionen an der Zeltwand hängen, steht am Rande des Camps und ist Treffpunkt. Zwei große Pinnwände informieren, was noch benötigt wird und was nicht. („Wir sind mit Nahrungsmitteln versorgt!“) Auf dem Tisch reihen sich die Thermoskannen. Der Media-Pavillon ist Sendeplatz des Livestreams. Blogger schreiben ins Laptop.

„Ist das hier ein Liebescamp?“ Eine alte Frau mit Rollator steht neben dem Zelt und hat irgendwo ein aufgemaltes Herz gesehen. Ihr wird die Situation erklärt. Zufrieden zockelt sie weiter. Ich spreche mit einer blonden Frau, Camp-Bewohnerin, Mutter eines zehnjährigen Sohnes und Yoga-Lehrerin. Die letzten zwei Nächte hat sie sich zu Hause ausgeschlafen. „Ich kann hier nicht schlafen, das Licht, die Geräusche, fremde Leute, die vorbeikommen, herumpöbeln.“ Sie guckt auf ihr Handy, ihr Sohn kommt gleich vorbei. „Heute ist bei mir Yoga ausgefallen, ich habe mit den Kindern Plakate gemalt. Was würdet Ihr ändern?, habe ich gefragt. Und sie haben das hier gemalt.“ Sie zeigt eine dicke Rolle mit schätzungsweise 15 gemalten Plakaten heraus.  Weniger Müll, Kein Hunger für alle, Wir Kinder sollen nicht vergessen werden.

Die Stimmung im Camp sei ok.“ Es wohnen sehr unterschiedliche Charaktere hier, mit unterschiedlichen Beweggründen. Da wird es auch einmal lauter, und einer steht  wütend auf.“ So sei das nun in jeder Gruppe. Und die Gruppe hält es aus. „Klar, machen wir weiter. Ganz bestimmt. Weihnachtsmarkt hin oder her“  Lachend fügt sie hinzu: „Der Weihnachtsmarkt wird Ende November hier eröffnet. Wir könnten uns alle Jobs im Budenzauber suchen und so den Weihnachtsmarkt unterwandern“.

Einen anderen Bewohner, der freundlich grüßt und mich nach meinem Befinden fragt, konfrontiere ich mit (Leser-)Kommentaren, „dass diese  ganzen Occupy-Bewegungen eigentlich nur Facebook-Partys mit einem politischen Aufhänger seien. Leute, die etwas erleben wollen und sich dies zeitlich und gesundheitlich leisten können.“  Er zeigt auf einen Mann mittleren Alters, der Flugblätter verteilt. „Er hat sich Urlaub genommen, um hier mit uns zu campieren und sich zu engagieren“, Er zeigt auf einen anderen jüngeren Mann: „Er steht hier morgens auf und fährt zur Arbeit“.  Eine junge Frau verteilt Buttons: „Wir sind 99%“ und „Occupy Hamburg“. Sie zeigt auf meine Tochter, die in der Trage vor mir schläft. „Ich werde auch Mama. 4. Monat. Wenn das kein Grund ist sich zu engagieren.“

Als letztes spreche ich mit dem Camp-Bewohner, der morgens aufsteht und zur Arbeit fährt, auf der anderen Elbseite. Arbeiter sei er, erzählt er. Er hält ein Schulheft in der Hand, in das er Stichworte notiert. „Wir arbeiten an einer Botschaft, die unser alle Beweggründe definiert. Wir können hier nicht einfach herumsitzen und rufen „Wir sind die 99 %“.  Wir werden unterstützt mit Geld, Sachen, Essen! Wir wollen nicht unglaubwürdig werden, weil wir uns nicht definieren können.  Er zeigt mir einen kleinen Zettel, auf den er seine Beweggründe aufgeschrieben hat, die mit weltweiter sozialer  Gerechtigkeit umschrieben werden können. Wir unterhalten uns über die 99 % und stellen fest, dass ein gewisser Anteil der 99 % sich selber niemals dazu zählen würde und natürlich nach den 1 % greift. Wir sprechen  über seine Kollegen, auch Arbeiter, die vor zwei Jahren FDP gewählt haben, weil sie ja Leistungsträger seien. Und wir sprechen über die Bild-Zeitung, vielerorts die einzige Zeitung und somit Gesetz. „Schlafen tue ich gerade nicht hier. Das habe ich letzte Woche gemacht. Ich konnte dann bloß nicht mehr arbeiten. Damit ist keinem geholfen. Ich komme jetzt nach Feierabend hier her und bleibe bis abends.“ Das mit dem Aufstehen ist hier so eine Sache. Bang! Und schon ist man mit allem konfrontiert.

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Kannibalismus in Hamburg

….und ich dachte, Kannibalismus sei in Hamburger Restaurants verpönt….

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Occupy Camp Hamburg Teil 2

Mein Zelt steht bald. Mein Zelt, das ich 1990 von meinem ersten Gehalt als Bank-Azubi gekauft hatte. Augen auf bei der Berufswahl! Das waren zwei schwere Jahre für mich.  Jetzt steht eben dieses Zelt vor der HSH-Nordbank. Wer hätte das gedacht? Ironie des Schicksals. Wenn ich schon selber nicht zelten kann, dann jedenfalls mein Zelt. Mein Zelt wird Stellvertreter-Zelt. Eine sehr schöne Idee, wie ich finde. Ein Zelt für all die Menschen, die campen wollen aber nicht können: aus gesundheitlichen, familiären, persönlichen Gründen. Für die Menschen, die tagsüber stundenlang hier ihre Zeit verbringen. Für die Menschen, die täglich vorbei kommen und in unterschiedlichster Form ihre  Solidarität mit dem Camp bekunden. Mit Kuchen, Flyer-Material, Decken, Brennholz, Geld.

Heute Nachmittag besuche ich das Hamburger „Occupy-Camp“  wieder für circa zwei Stunden. Die Stimmung ist weniger hektisch als vor zwei Tagen. Die Zelte mussten am Montag kurzfristig abgebaut werden, eine Anordnung des Bezirksamts. Jetzt werden sie doch geduldet, und es sind mehr geworden.  Im Camp baut sich eine Mikro-Infrastruktur auf. Es gibt ein Kochzelt und ein Sanitätszelt. Der kleine Platz in der Mitte des Camps dient für Gespräche. Bald soll es sogar ein Kinder-Zelt geben. Vormittags werden Workshops für gewaltfreie Sprache angeboten.  Es kommen viele Leute vorbei. Und eben nicht nur „die üblichen Verdächtigen“. Eine ernste Frau mittleren Alters mit langem Mantel, Hut, elegant gekleidet, fragt, ob Geldspenden angenommen werden. Sie spendet, dann geht sie wieder. Es wird Brennholz angekarrt, Kuchen,  Filzmarker für Plakate. Natürlich wird das Camp auch von Passanten milde belächelt, Kommentare wie „Das bringt doch nichts!“ sind ebenfalls auf der Tagesordnung. Das Thema ist abstrakt. Etwas schwierig  in Worte zu kleiden. Das merke ich, als ich etwas unvorbereitet in die Kamera von Castor TV spreche.  Dennoch stehe ich hinter meinen nicht ganz ausgefeilten Sätzen. Für eine lebenswürdige Zukunft.

Genau hierum geht es auch zwei Camp-Bewohnern, mit denen ich spreche, und die sich als 99 % vorstellen. „Es geht nicht nur um die Banken, es geht um das große Ganze.  Die Finanzwirtschaft ist ein Teil.  Andere Teile sind die Privatisierungen von Kulturgut, Studiengebühren, Atomenergie.”

Das Camp ist ein neu geschaffener  Raum. Ein Raum für fremde Menschen, die sich spontan zusammenfinden, Gemeinsamkeiten entdecken, kontrovers diskutieren.  Ein Raum, den es in dieser Art heutzutage viel zu selten gibt. Kurz vorm gehen sehe ich eine Frau, die mir bekannt vorkommt. Wir schauen uns an und stellen fest, dass wir uns vor circa 15 Jahren öfters mal auf WG-Partys  in Heidelberg gesehen haben. Zu einer Zeit, in der mein Zelt öfters in Frankreich gezeltet hat. Die Zeiten ändern sich.

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Besuch im Occupy-Hamburg-Camp am 17.10.11

Gestern, 17:00 Uhr, Gerhart-Hauptmann-Platz

„Vielen Dank derzeit  brauchen wir nur eine Genehmigung der Zelte vom Bezirksamt.“  Das war die Antwort auf meine Frage, ob noch irgendetwas gebraucht wird. Die Stimmung ist ein wenig hektisch. Ich stehe auf dem Gerhart-Hauptmann-Platz in Hamburg, vor dem Eingang der HSH Nordbank zwischen elf Zelten und einem Party-Pavillon. Wie in anderen deutschen Städten haben sich spontan  Leute nach der Occupy-Hamburg-Kundgebung auf dem Hamburger Rathausmarkt zusammengefunden, und um dann vor „finanzrelevanten“ Plätzen zu campieren. In Hamburg campieren derzeit circa 15 Leute vor der HSH Nordbank, der großzügigen Spielbank , wenn es um Dividenden während der Finanzkrise  geht. Ein guter Platz zum Zelten. Tagsüber sind es mehr Leute.  Viele Passanten, Büroangestellte in der Mittagspause und auch Bankangestellte nehmen die Aktion für Diskussionen wahr.   „Die Stimmung ist gut. Wir geben aufeinander Acht. Versorgt sind wir auch.“

“Ein weiterer Blog über das Camp wäre eine tolle Unterstützung und Deine Anwesenheit hier, wenn es nur eine halbe Stunde ist!” Das Camp ist offiziell vom Bezirksamt als Versammlung genehmigt. Bis zum 10.11.11 dürfen sie bleiben, dann beginnt der Aufbau des Weihnachtsmarktes.

Nur Camp ist wohl bald leider nicht mehr der richtige Ausdruck. Mittlerweile betritt eine junge Polizistin den Schauplatz. Sie habe nochmals mit ihrem Chef gesprochen, die Zelte müssen abgebaut werden, der Zelt-Pavillon kann stehen bleiben. Warum auch immer. Die Camper wirken extrem motiviert. Es wird gebloggt, geredet, gelacht. Strom haben sie jetzt auch, gesponsert von der „Weltbühne“, dem Theatercafé des angrenzenden Thalia-Theaters.  Ich werde öfters herkommen.  Nächstes Mal bleibt bestimmt ein wenig mehr Zeit zum Reden.

Außerdem möchte ich unbedingt noch mehr über einen Versorgungskanal (oder sollte man win-win-situation sagen) erfahren:

„Bankangestellte bringen Kaffee, und wir können in der Bank auf die Toilette gehen!“

Blog der Initiative:

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Parallelwelten – Occupy Hamburg

Nennen wir ihn Ulf. Ulf trägt rosa Leggins und einen Damenslip. Ulf ist heute oder in den letzten Tagen dreißig geworden. Die Sonne scheint vom knackblauen Hamburger Himmel. Eine hartnäckige Tradition aus dem norddeutschen Umland  hat es in den letzten Jahren zu einer zweifelhaften Beliebtheit gebracht. Eine Tradition die vorsieht, dass Männer und Frauen, die mit Dreißig noch nicht verheiratet sind, fegen müssen. Und das in zumeist lächerlicher Aufmachung. Vor dem Rathaus. Das Hamburger Rathaus ist natürlich am spektakulärsten. Ulf ist konsequent und fegt von seinen Lieben immer wieder ausgeschüttete Sägespäne. Seine Lieben stehen an einem provisorischen Stromkasten und trinken Korn. Mitten auf dem Rathauspatz. Ulf ist nicht alleine. Heute hat er hat Pech. Er wird umringt von Tausenden Hamburgern und Hamburgerinnen, die sich zur Solidaritätsveranstaltung  der „Occupy Wallstreet“-Bewegung zusammen gefunden haben. Bürger die wütend sind. Ulf mutiert schnell zu einer Nebenrolle.

Über dreißig und freiwillig  sind wir um 13:50 gespannt, was uns erwartet. Wir haben keine Ahnung. Das Thema ist abstrakt und schwer in Worte zu fassen. Für echte Demokratie, gegen eine Regierung, die sich für die Finanzwelt prostituiert. Klar. Wie viel anderen geht es genauso? Keine Ahnung. Wir erwarten  zwischen 100  und 10.000 Demonstranten.  Auf dem Weg zur Kundgebung kommt uns mit überhöhter Geschwindigkeit ein Porsche Cayenne mit Züricher Kennzeichen entgegen, der scheinbar noch schnell das Weite sucht. Passt irgendwie.

Irgendwo läuten Glocken, es ist zwei. Der Rathausmarkt ist bereits zu einem Drittel gefüllt. Circa zweitausend Demonstranten sollten es sein. Auf der einen Hälfte des Platzes haben Parteien die Gunst der Stunde genutzt und ihre Ständchen aufgebaut: Die Piraten,  Die Linke, die Marxistisch Leninistische Partei Deutschlands. Die Grünen fehlen. Dafür sind Gewerkschaften  wie Verdi und IG Metall vertreten.

Die andere Hälfte des Platzes füllt sich minütlich merkbar. Ich höre eine Frau jubeln, dass   laut Polizei-Angaben jetzt 6.000 Demonstranten erreicht wurden. Nachdem der Mit-Veranstalter Attac dazu aufgerufen hat, Politische Abzeichen oder Partei-Werbung wieder einzurollen, eröffnet ein Vetreter der spanischen Bewegung mit einer leidenschaftlichen Botschaft an die Hamburgerinnen und Hamburger sowie an alle Occupy-Veranstaltungen weltweit. Die Rede wird ins Deutsche übersetzt. Es folgt das „offene Mikro“. Demonstrantinnen und Demonstranten haben die Möglichkeit, ihre persönliche Botschaft an die Menge loszuwerden, was der Kundgebung eine schöne individuelle Note gibt. Kämpferische Aufrufe lösen nüchterne Statements ab. Es sprechen Menschen. Spontan. Menschen, die 50 Jahre gearbeitet haben. Menschen aus Ägypten,  die einen Bogen zum arabischen Frühling spannen.  Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Beweggründen hier sind. Die Lautsprecher scheppern. Macht nix.

Die Akustik wird jedoch von drei Gestalten gestört, die mit lauten Boxen an der  Rathauswand lehnen und die Demonstranten sowie Redner mit Musik beschallen. Auch wenn ich noch so stark nachdenke, ich kann keine Botschaft erkennen.  Auf Hipster getrimmte FDP-Mitglieder?

Das Schöne an dieser Veranstaltung ist, dass nicht nur den Rednern gelauscht wird, oder dass stumpf Parolen gerufen werden. Es wird spontan diskutiert. Zufällig vorbei gekommene Wochenend-Shopper  mit Karstadt –Tüten diskutieren mit  Attac-Aktivisten. Auch die Kreativität kommt nicht zu kurz.  Erwähnenswert ist die Initiative „Rent a Protest“ : Protest-Schilder zum Ausleihen und selber  bemalen. Auch die VEB, die „Vereinigung Europäischer Bankiersgattinen“, hübsch zurechtgemacht, verdient Beachtung.

Die heutige Veranstaltung in Hamburg ist ein Anfang und macht Mut. Das ist positiv gemeint. Zwischen 4.000 und 6.000 Demonstranten waren heute dabei. Die Springer-Presse hat sich auf 2.000 geeinigt. Nun gut.

Es gibt jedoch noch einiges zu tun. Der Rand der Veranstaltung dient indes als gute  Sozialstudie. Dort, wo Demonstranten gegen Neoliberalismus auf gut betuchte Konsumenten treffen, die sich im „Neuen Wall“ gerade neu eingekleidet haben. Ich positioniere mich vor der hiesigen „Cartier“-Filiale, von wo aus man einen freien Blick auf den Rathausmarkt und somit auf die Demonstration hat.  Eine Sonnenbrille auf zwei Beinen, bepackt mit zwei cremefarbenden Luxus-Papiertütchen, die mit apricot-farbigen Schleifchen garniert sind:

„Oh nee, ne? Da steht ja alles voll! Was ist das denn?!“  Ihr Begleiter: „Wahrscheinlich irgendetwas mit Atomkraft!“ Sie:“Ist das ein schlechtes Omen? Dann lass mal lieber in die Colonaden (wahrscheinlich zum weitershoppen) gehen.“

Eine Piloten-Jacke mit zerschlissener Designer-Jeans: „Ich demonstrier auch für mehr Geld. Hua, Hua, Hua.“

Solange seine Massimo Dutti Tütchen noch voll sind, ist ja alles gut.

Wie gesagt, es gibt einiges zu tun…

Gegen fünf Uhr leert sich der Rathausmarkt. Eine notwendige Veranstaltung. Hoffentlich nicht das letzte Mal. Es bleibt ein gutes Gefühl, ein paar Sägespäne und eine leere Kornflasche auf dem Stromkasten.

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